Hintergrund: Was hat es mit dem Radweg zwischen Dreiecksiedlung und Panitzsch auf sich?

Im Bericht von der öffentlichen Sitzung des Borsdorfer Gemeinderates  am 27. Juli 2016 wurde auch über die abgesetzte Beschlussvorlage Verlegung Bundesstraße 6 Gemarkung Panitzsch / ehemalige K203 Verkehrsschau vom 18.05.2016 informiert. Wegen des großen Leserinteresses an diesem Beitrag ist der folgende Artikel entstanden, um ein wenig Licht in die Geschichte dieses  Themas zu bringen.

Und diese Geschichte reicht weit zurück: Mit dem Neubau der Bundesstraße 6 Mitte der 90er Jahre wurde die bestehende Verbindungsstraße zwischen Panitzsch und der Dreiecksiedlung gekappt. Die Wiederherstellung dieser Verbindung* (s.u.) zwischen den Ortsteilen wurde als einer von vielen Punkten im Planungsverfahrens für die neue B6 behandelt. Strittig war 1995 insbesondere die Ausbaubreite der Trasse. Um den Durchgangsverkehr zwischen “alter” B6 und Panitzsch aus der Dreiecksiedlung herauszuhalten, favorisierte die Mehrheit der Siedlungsbewohner für die Straße eine schmalere Ausführung als von den Planern favorisiert.  Lt. B-Plan waren zunächst 4,50 m plus gesonderter Radweg im Gespräch, der Gemeinderat des damals noch eigenständigen Ortes Panitzsch sprach sich am 29. März 1995 letztlich mit 9 gegen 2 Stimmen für den Ausbau der Sommerfelder Straße auf eine Breite von 5 Metern (ohne Radweg) aus. Außerdem sollte am Abzweig von der alten B6 in die Dreiecksiedlung ein Sackgassenschild angebracht und  zusätzlich ein Sperrschild “Anlieger und Versorgungsfahrzeuge frei” beantragt werden.

Nach der Fertigstellung im Herbst 1997 überspannte die Brücke zwar die neue B6, doch weder Brücke noch Zuwegung durften von Fahrzeugen benutzt werden, da es ein halbes Jahr dauerte, bis die Verkehrsbehörde eine passende Beschilderung ausgetüftelt hatte.

Kürzlich kochte das Thema wieder hoch, als die “Leipziger Volkszeitung” mit Rolf Erker im Januar und und Februar 2016 einen empörten Anwohner aus der Dreiecksiedlung zu Wort kommen ließ, der Brücke und Straße für zu schmal befunden hat und eine Sperrung für Fahrzeuge aus Richtung Trabrennbahn forderte. Auf der fünf Meter breiten Trasse dürften sich lt. Beschilderung immerhin ein 2,55 m breiter Lkw und ein 2,50 m breiter Pkw begegnen. “Dass muss mir einer vormachen, wie das gehen soll”, so der zitierte Ausspruch des Anwohners. Die LVZ übertitelte den Beitrag auch prompt mit “Fünf Zentimeter fehlen: Fahrbahn in Panitzsch ist zu schmal”.

Zwei Einwände seien an dieser Stelle gestattet: Zum einen sind angegebenen 2,50 m Pkw-Breite sehr großzügig; ein VW Passat bringt es mit ausgefahrenen Spiegeln auf 2,083 m, eine nicht als schmal bekannte Mercerdes-S-Klasse auf 2,13 m. Zum anderen stimmen die genannten Werte für die Fahrbahnbreite schlicht und einfach nicht. Wer nachmisst, erlebt eine Überraschung: Das lichte Maß zwischen den Betonkanten der Brücke beträgt nicht 5 m, sondern 5,5 m. Abseits der Brücke erreicht die lichte Straßenbreite 5,20 m – wohlgemerkt zwischen den weißen Begrenzungslinien. Rechnet man deren Breite und die der Fahrbahn jenseits der Linien hinzu, kommt ein Wert von deutlich über 5,5 m heraus. Erstaunlich, dass die LVZ in den o.g. Artikeln zwar ein Foto des erzürnten Anwohners mit aneinandergelegten Zollstöcken veröffentlicht hatte, aber offensichtlich die Gelegenheit zum schnellen Nachmessen nicht nutzte.

Doch allen Ungereimtheiten zum Trotz bleibt das Thema weiter am Köcheln. Gemeinderätin Margitta Moritz, ebenfalls eine Bewohnerin der Dreiecksiedlung, macht sich seit geraumer Zeit für eine Radwegeverbindung zwischen der Dreiecksiedlung und Panitzsch stark und verweist auf die Unterschriften von mehr als 100 Siedlungsbewohnern. Als Argument für die Teilsperrung der Verbindungsstraße und die Schaffung eines Radweges führte sie die Gefährdung insbesondere von Schulkindern an, wies aber auch auf die Unfallträchtigkeit der unübersichtlichen Brücke samt kurviger Straße hin.

Von dieser Unfallträchtigkeit war zumindest der Polizei bis dato nichts bekannt, da seit Freigabe der Brücke keine Unfälle gemeldet worden waren. Im Zuge einer Verkehrsschau in der Gemeinde Borsdorf wurde am 18. Mai 2016 aber auch die Situation zwischen Dreiecksiedlung und Panitzsch untersucht. Im Ergebnis dieser Verkehrsschau wurde ein Lösungsvorschlag erarbeitet und den Gemeinderäten bei der Beratung des Technischen und Verwaltungsausschusses vorgestellt.

Dieser Vorschlag umfasste u.a. die Aufhebung des o.g. Beschlusses des einstigen Panitzscher Gemeinderates. Außerdem sollen auf der “alten” B6 am Abzweig in die Dreiecksiedlung sämtliche Hinweise auf Panitzsch entfernt werden, um den Durchgangsverkehr nicht anzulocken. Auf beiden Seiten der Ortsverbindungsstraße soll mit einer sogenannten Strich-Lücke-Markierung eine separate Spur für Fußgänger und Radfahrer angelegt werden. Vorgesehen ist weiterhin die Ertüchtigung der Fahrbahnrandbereiche (“Bankette”) sowie der Anschluss des auf der Brücke vorhandenen Gehweges per flacher Rampe an die markierte Spur. Hinweisschilder „Achtung, Fußgänger“ sollen Autofahrer auf die Situation zusätzlich aufmerksam machen. Da der Gehweg auf der Brücke dann auch von Radfahrern benutzt werden würde, müsste das Geländer von aktuell 1 m auf 1,30 m erhöht werden. Um die Sichtverhältnisse zu verbessern, sollten die Gehölze auf der westlichen Brückenseite kräftig gestutzt werden (“Verkehrssicherungsschnitt”).

Bei der Beratung im Ausschuss wurde dieser Vorschlag eingehend diskutiert und von den anwesenden Mitgliedern des Gemeinderates mehrheitlich befürwortet.

Aber damit ist die Geschichte noch lange nicht beendet: In der zweiten Julihälfte verschickte Margitta Moritz an die Gemeinderäte per Mail einen neuen Vorschlag: die Einrichtung einer Fahrradstraße. Dafür gibt es deutschlandweit eine Reihe von Beispielen. Allerdings handelt es sich dabei meist um kurze Straßen ohne Ortsverbindungsfunktion, so z.B. in Leipzig auf der Alten Messe oder in Nürnberg parallel zur Schnellstraße. Auf einer solchen Fahrradstraße dürften je nach Beschilderung zwar auch Autos fahren, dies allerdings nur mit max. Tempo 30. Außerdem wären sie den Fahrrädern untergeordnet.Für die Fahrradstraße spricht der deutlich geringere Aufwand: Es müssten lediglich zwei Schilder aufgestellt werden. Dagegen spricht allerdings die (weitgehende) Sperrung einer Ortsverbindung.

Bei der Beratung des Tagesordnungspunktes im Gemeinderat am 27. Juli 2016 sorgte der neue Vorschlag für rege Diskussionen und Verunsicherung. Daraufhin wurde der Beschluss einstimmig abgesetzt und soll nach erneuter Beratung zu gegebener Zeit wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden.

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*  Ein PS: Der Begriff “Verbindungsstraße” bescherte mir als Verfasser des Textes ein wenig Post, darunter auch solche der weniger sachlichen Art. Vielleicht zur Klarstellung … den betreffenden B-Plan kenne ich, es bedarf daher nicht der Zusendung weiterer schlechter Kopien per E-Mail. Den Begriff “Verbindungsstraße” gebrauche ich ausschließlich im Sinne ihrer faktischen Funktion. Inwieweit es  sinnvoll und mehrheitsfähig ist, diese aktuelle Funktion, wie z.T.  gewünscht, auf die eines Wirtschaftsweges zurückzuführen, wird zu gegebener Zeit Gegenstand einer Umfrage sein.

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