Die letzten Kriegstage in Borsdorf – Heimatverein eröffnet bewegende Ausstellung zum Ende des 2. Weltkrieges

In den sächsischen Museumsbetrieb kehrt in der Corona-Krise so langsam wieder Normalität ein – und das gilt natürlich auch für das Heimatmuseum in Borsdorf. Der dazugehörige Verein hat für den Neustart eine aktuelle Sonderausstellung zusammengestellt: „75 Jahre Kriegsende in Borsdorf, Panitzsch und Zweenfurth“. Diese wurde am Wochenende mit rund 25 geladenen Gästen in der Grundschule feierlich eröffnet – natürlich unter Einhaltung der Corona-Vorschriften.

Plakat weist auf eine neue Sonderausstellung hin

Die Pandemie hatte die Pläne des Heimatvereins zunächst zunichte gemacht. Das Museum war geschlossen. Aber in Heimarbeit hatten die Vereins-Mitglieder Olaf Beyer, Elvira Carl, Christine Damm, Detlef Kupfer, Michael Peukert, Dr. Matthias Schütze, Eckard Uhlig und Lorenz Uhlmann die Themen bearbeitet und die ausführlichen Schautafeln schließlich hergestellt. Für die Ausstellung wurden viele Zeitzeugen befragt, die das Kriegsende im Frühjahr 1945 bei uns im Ort erlebt hatten. Die meisten der Befragten waren zu der Zeit Kinder und somit ist die Ausstellung auch ein wenig aus dem Blickwinkel eines Kindes zu betrachten, das das Kriegsende und den Einmarsch der US-Soldaten miterlebt hat. Ihre Erlebnisse wurden auf einer von Christine Damm gestalteten Litfasssäule festgehalten. Sie hatte sich im Vorfeld hinter das Telefon geklemmt, die Zeitzeugen angerufen und sich ihre Geschichten erzählen lassen. Unter anderem berichtet der damals fünfjährige Gerd Graupner von Vertriebenen, die in dieser Zeit täglich nach Panitzsch kamen und von den Einwohnern Bleibe und Essen bekamen. Und wie ein schwarzer US-Soldat jeden Abend auf einer alten Trompete vor dem Haus den Zapfenstreich blies.

Auch über die tragische Geschichte der Familie des Schuldirektors Walter Kisow berichtet die Ausstellung. Kurz vorm Einmarsch der amerikanischen Soldaten erschoss der Familienvater seine drei Töchter Anni, Hedda und Inga und seine Frau Else, zündete das Wohnhaus an und setzte schließlich seinem eigenen Leben ein Ende. Die damals 11-Jährige Christa Hein ging mit Hedda in eine Klasse und erinnert sich: “Die Toten lagen alle auf der Wiese am Haus in der Bahnhofstr. 35. Die ältere Tochter versuchten sie noch zu retten, aber sie starb dann auch. Das Haus hatte Herr Kiesow angezündet. Es waren 5 Gräber auf dem Friedhof, die nicht gepflegt werden durften. Wir taten es trotzdem.”

Elvira Carl erzählte auf “ihrer” Schautafel die Geschichte ihrer eigenen Familie, insbesondere von ihrem Großonkel und jungen Arzt Dr. Friedrich Bertram, einem letzten Borsdorfer Kriegsopfer. Amerikanische Soldaten töteten ihn am 20. April 1945 im Wald in der Nähe von Naunhof auf dem Weg zum Teillazarett Lindhardt durch einen Schuss in den Hinterkopf. Vermutlich wurde er Opfer einer Vergeltung.

Neben vielen Geschichten und Erzählungen gibt es aber auch noch eine ganze Menge an Gegenständen zu entdecken. Unter anderem das Radiogerät Volksempfänger – auch Goebbels-Schnauze (nach dem NS-Propaganda-Minister Joseph Goebbels) genannt. Oder sogar Munition, die knapp 50 Jahre nach Kriegsende aus dem Schwanenteich geborgen wurde, sogar noch mit Original-Packzettel.

Von 1939 bis 1945 im KZ Buchenwald inhaftiert: Hermann Hartmann, wohnhaft in Borsdorf

Auch Original-Dokumente können angeschaut werden. So zum Beispiel ein Lager-Ausweis von dem Borsdorfer Hermann Hartmann. Er saß zwischen 1939 und 1945 im Konzentrationslager Buchenwald und kam als 46-Jähriger nach seiner Entlassung zurück in die alte Heimat. Viel mehr ist allerdings nicht über ihn bekannt. So weiß man beispielsweise nicht, warum Hermann Hartmann von den Nazis eingesperrt wurde. Wer kennt/kannte Hermann Hartmann oder seine Familie? Die Mitglieder des Heimatvereins erhoffen sich neue Erkenntnisse über diesen Aufruf. 

Für viele Zeitzeugen war der Einmarsch der US-Truppen nicht beunruhigend, eher befreiend. Man wusste, die Schrecken des Krieges gehen damit zu Ende. Die meisten hatten Angst vor dem eigentlichen Krieg mit seinen Tiefflieger- und Bombenangriffen. Mit dieser Ausstellung soll vor allem den Eltern und Großeltern Hochachtung entgegengebracht und das Andenken an diese Zeit bewahrt werden.

Die Ausstellung ist ab den 19. Juni zu sehen im Heimatmuseum in der Leipziger Straße 5 in Borsdorf. Jeden Freitag von 15 bis 18 Uhr. Eine telefonische Terminabsprache unter 034291-22912  ist dazu nötig, da sich nur maximal drei Personen gleichzeitig in den kleinen Ausstellungsräumen aufhalten dürfen.

Text und Fotos: Sandra Jostes

Anmerkung: Für das Titelfoto wurde der Mund-Nasen-Schutz kurzzeitig abgenommen. Ansonsten trugen alle anwesenden Gäste und Aussteller eine Maske.

Schreibe einen Kommentar